Analoges Schätzchen

Dass im heimischen Keller noch eine alte Spiegelreflexkamera schlummerte, wusste ich schon immer. Erst jetzt habe ich sie aber mal heraus gekramt und mir genauer angeschaut. Freudig überrascht war ich auch von der Tatsache, dass es sich nicht um irgend ein ausgestorbenes Fabrikat, sondern um eine Nikon handelt, vielmehr aber noch davon, dass ich das Gerät einfach hübsch finde.

Was da lange Zeit ein Dasein im Dunkeln fristete, ist eine Nikon EM, ein ab 1979 gebautes sehr kompaktes Modell. In meinem Fall sogar mit einem 50mm/1.8 Objektiv bestückt. Das lässt Fotografenherzen höher schlagen. Zwar ist anscheinend der Belichtungsmesser kaputt, da ich jedoch davon ausging, meine digitale Canon einfach als Belichtungsmesser missbrauchen und entsprechende Werte an dem Schmuckstück einstellen zu können, sah ich zuerst kein Problem. Bis ich herausfand, dass die Nikon EM lediglich eine Einstellung der Blende erlaubt und somit also ausschließlichlich über einen Zeitautomatik-Modus verfügt.

Dabei ist die Kamera gerade für Einsteiger wirklich toll zu bedienen. Nach Einlegen des Films wird an einem Einstellrad die ISO-Empfindlichkeit festgelegt, dann der Filmtransport betätigt. Jetzt muss nur noch fokussiert und auf Wunsch am Objektiv eine Blende eingestellt werden, schon kann der Auslöser betätigt werden. Für Einsteiger in die Fotografie und für das schnelle Foto zwischendurch war dies sicher völlig ausreichend – auch wenn die EM bei damaligen Nikon-Fans wohl auf ziemlichen Widerstand gestoßen ist.

Zusätzlich zum automatischen Modus kann man auch noch den Modus B (“Bulb”) wählen, bei dem so lange belichtet wird, wie der Auslöser gedrückt wird. Für Langzeitbelichtungen bei Nacht eine tolle Sache. Wofür der Dritte Modus “M90″ gut sein sollte, war mir erst nicht klar, doch dazu später mehr.

Auf gut Glück bin ich mit meinem Problem also in einen Hamburger Fotoladen gewandert und habe mich dort mal beraten lassen. Nachdem auch nach Einlegen von Batterien der Belichtungsmesser keinen Mucks tat (hätte ja sein können), wurde mir ein Besuch in der Nikonwerkstatt empfohlen – mit 100€ aufwärts solle ich aber rechnen. Alternativ könne ich einfach mal Herumprobieren. Das klang in meinen Ohren schon viel Spannender und war mit 3€ für 2 Filme inkl. Entwicklungsgutschein auch deutlich günstiger.

So habe ich mir zu Hause eine kleine Testtafel gebastelt, die ich in verschiedenen Lichtsituationen mit unterschiedlichen Blenden fotografiert habe, um herauszufinden, bei welcher festen Belichtungszeit die Kamera wohl ohne Batterie oder Belichtungsmesser auslöst. Nach ein paar Testshots habe ich im Internet aber das Originalmanual entdeckt, in dem der bereits erwähnt mysteriöse “M90″ Modus erklärt wurde. Wie einige von euch sich vielleicht schon gedacht haben (ich habe es zumindest nicht vermutet) wird hier bei 1/90 Sekunde ausgelöst – genau so etwas brauche ich doch.

Also laufe ich nun mit beiden Kameras durch die Welt, habe die digitale auf Blendenautomatik bei 1/90 s und ISO 200 festgelegt und stelle dann am fast antiken fotografischen Herzensbrecher die entsprechend bestimmte Blende ein. Ob das funktioniert, wird meine erste Entwicklung zeigen, den Film werde ich am Wochenende noch vollknipsen.

Was ich bei den alten Suchern übrigens klasse finde ist der Schnittbildindikator, wieso haben die modernen DSLRs das nicht mehr? Zum manuellen Fokussieren eine optische Hilfe zum Erkennen des besten Fokuspunktes zu haben ist doch grandios.

Ich wünsche euch ein schönes Wochenende, welches ich gleich im Freien verbingen werde – heute mal mit zwei Kameras im Gepäck.

Welche Ausflüge in die analoge Fotowelt habt ihr bisher gemacht? Seid ihr vielleicht erst von dort zu den digitalen Kameras gekommen oder habt ihr – so wie ich – gleich mit digitalem Werkzeug angefangen, fühlt euch vom analogen aber dennoch irgendwie fasziniert und angezogen?


9 Responses to “Analoges Schätzchen”

  1. Inken sagt:

    Ich hab schon soo oft gedacht, dass ich mich niemals an eine analoge Spiegelreflex herangetraut hätte, wenn ich meine digitale nicht hätte. Mit meiner digitalen habe ich den Umgang dadurch gelernt, dass ich Fotos machte, sie auf dem Display ansah und Dinge wie Blende und Belichtungszeit bis zum gewünschten Ergebnis verändern konnte. Dieser komfortable Vorteil fehlt einfach bei einer analogen Kamera und vermutlich könnte ich nicht damit umgehen. Aber vielleicht ändere ich meine Meinung auch noch und teste die analoge Fotografie einfach mal aus, mal sehen.

  2. Martin sagt:

    Klingt spannend, auch wenn mir persönlich eine feste Blende lieber wäre als eine feste Zeit von 1/90. Viel Spaß damit! Bin gespannt auf die Ergebnisse!

  3. Flo sagt:

    Eine feste Blende wäre mir zur Bildgestaltung auch lieber, bei funktionierender Belichtungsmessung kann man aber ja genau das tun und eine gewünschte Blende einstellen. Zum Herumspielen werde ich das jetzt erst einmal so benutzen.

    @Inken: Den Anfang direkt mit einer analogen komplett manuell zu bedienenden SLR zu machen hätte ich mir sicherlich auch nicht zugetraut. Aber nach einiger Erfahrung mit der digitalen kann man das glaube ich ohne Probleme hinbekommen. Zusammenhänge von Blende/Belichtungszeit und Bildwirkung sind dir ja jetzt klar. Natürlich kann man sich durch ganz viele digitale Versuchen besser an das perfekte Bild herantasten. Aber die inflationäre Bilderflut der digitalen Zeit finde ich manchmal ziemlich nervig und würde mich in einigen Momenten gerne mehr auf das einzelne Bild konzentrieren.

  4. achtbui sagt:

    klingt nach fun. vll sollte ich nachmachen und die minolta meines Vaters beschlagnahmen (:

    Zum Schnittbildindikator: Das gibt es für DSLRs. Du musst lediglich die Mattscheibe auswechseln. Die Katzeye-Mattscheibe kostet nur etwas…

    http://www.katzeyeoptics.com/item–Canon-550D-T2i-Focusing-Screen–prod_550D.html

  5. Flo sagt:

    Danke für den Link. Preislich ist das aber doch etwas happig. Könnte mir das gut für den Makrobereich vorstellen, aber das mache ich ja bisher sowieso nicht.

  6. moritz sagt:

    Das erste Mal, dass ich Fotos “bewusst” gemacht habe war mit einer alten analogen Spiegelreflex-Kamera meines Vaters. War in einem Kunstkurs in dem es auch um das entwickeln von Schwarz-Weiß Filmen ging. Ich habe ein Trainingswochenende des Circ’ A Holix
    begleitet. Meiner Meinung nach ist analoge Fotografie auch fürs lernen geeignet, weil man sich einfach mehr Gedanken um das Bild macht. Natürlich kann man nicht sofort das Resultat sehen aber dann bleibt wenigstens noch ein bisschen Überraschung.
    Und warum es keinen Schnittbildindikator mehr gibt frage ich mich bis zum heutigen Tage, es war das erste was ich gelernt habe so als kleiner Stöpsel mit 6 Jahren. Als ich vor 4 Jahren meine digitale SLR gekauft habe war das noch ein aktiver Diskussionspunkt, die Leute hatten die Hoffnung das in dem nächsten Modell wieder ein Indikator zu finden ist.

    Die Idee mit der Testtafel finde ich toll.

  7. Pablo sagt:

    Sieht ja nach einem richtigen Schmuckstück aus :)
    Her mit dem Objektiv! ;)

    Ich habe ehrlich gesagt nicht mit einer DSLR angefangen, habe noch eine Canon EOS 350 herum liegen, super Gerät, nur (leider?) nicht all zu alt. Ist eine der letzten analogen von Canon. Habe früher allerdings nur die Belichtungszeit beachtet. Blende, ISO, Weißabgleich sagte mir da noch rein gar nix…

    Analoge Fotografie ist richtig toll, man achtet viel mehr aufs Motiv statt einfach die Bilder durch zu hauen. Viel Spaß mit dem Gerät. :)

  8. Kevin Gimbel sagt:

    Den Schnittbildindikator vermisse ich auch etwas beim Digitalen.
    Ich hab eine alte Revue mit 3 Objektiven (Zoom & 2 Festbrennweite) die meiner Mama gehört – allerdings darf ich sie nutzen, sobald ich Filme habe.

    Die Idee, mit der Digitalen die Blende herauszufinden kam mir auch – funktioniert das?
    Ich hatte bisher leider kein Geld übrig um die Kamera mal auszuprobieren :/

    Schön am Analogen finde ich, dass man genau überlegen sollte was man Fotografiert – da jedes mal wenn man Auslöst das eine Bild verbraucht ist. (Nicht wie beim Digitalen wo ich 8 GB habe und die einfach verknipsen kann :D )

    Wann stellst du die ersten Ergebnisse online? Ich bin schon gespannt.

    Liebe grüße,

    -Kevin

  9. [...] an einem Montagabend mit Maria, Dom und meiner Nikon EM. Überhaupt fotografiere ich in letzter Zeit viel analog. Irgendwie beruhigender als [...]

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